15 rheinland-pfälzische Kammern, darunter auch die Landeszahnärztekammer (LZK) hatten zum 25. Jahresempfang der Wirtschaft geladen. Gekommen sind mehrere Tausend Gäste in die Rheingoldhalle nach Mainz, um den diesjährigen Hauptredner, Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission a. D., zu hören, sich zu vernetzen und Kontakte zu pflegen.
Die Begrüßungsrede hielt der Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Rheinhessen, Dr. Marcus Walden, der auf den „Bürokratiewahnsinn“ einging. Er forderte „wirtschaftspolitische Entscheidungen, die bei den Betrieben spürbar ankommen“ und richtete seinen Appell im Hinblick auf die nahende Wahl in Rheinland-Pfalz vor allem auf die Landespolitik. Immerhin seien in Handel und Industrie nun „erste Lichtblicke erkennbar“. Nun müsse man „Tempo machen“ in Sachen Digitalisierung, Klimaschutz und Infrastruktur.
Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD) nahm an der Podiumsdiskussion des Jahresempfangs teil und erläuterte, was das Land bereits in Sachen Bürokratieabbau auf den Weg gebracht habe. Jedoch müsse um jede Abschaffung gekämpft werden. „Menschen sind immer wieder nur für so lange für Bürokratieabbau, bis dieser konkret wird.“
Nicht alles sei furchtbar, betonte der Ministerpräsident und ging auf das Sondervermögen des Bundes ein. Was an die Kommunen gehe, müsse für Bildung, Infrastruktur und den Kampf gegen den Klimawandel eingesetzt werden.
Sabine Maur, Präsidentin der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz vertrat bei der Podiumsdiskussion die Heilberufe und schilderte, was diese umtreibe: Fachkräftemangel, Versorgungsunsicherheit, vor allem im ländlichen Raum sowie die schwierige Aufgabe, ein resilientes Gesundheitswesen sicherzustellen. Sie berichtete über zunehmende psychische Belastungen durch wirtschaftliche Sorgen und internationale Konflikte, die die Menschen bedrückten.
„Wir leisten uns ein Unding“, so Maur. Deutschland sei fast Schlusslicht beim Thema Prävention, was die Gesundheitskosten in die Höhe treibe. „Wir warten erst, bis die Leute krank sind.“ Neben den bekannten Faktoren, an denen man noch viel mehr ansetzen müsse wie z. B. Ernährung, Bewegung und Alkoholverzicht sei es wichtig, das soziale Miteinander zu fördern, beispielsweise durch ehrenamtliche Tätigkeiten. Das gesellschaftliche Klima wirke unmittelbar auf die Gesundheit der Menschen, unterstrich die Psychologin.
Hans-Jörg Friese, Präsident der Handwerkskammer Rheinhessen, blickte grundsätzlich positiv aufs Handwerk. Jedoch litte das Handwerk ebenso wie die anderen freien Berufe unter hohen Sozialversicherungsbeiträgen und Energiekosten sowie dem anhaltenden Fachkräftemangel. Es sei Eile geboten, um die Wirtschaft zu stärken, „und zwar nicht erst Ende 2027, das muss ad hoc passieren“, wenn man nicht riskieren wolle, den Populisten in die Hände zu spielen. „Eine starke Demokratie geht nicht ohne eine starke Wirtschaft!“
Mehr Schnelligkeit von Politik und Behörden mahnte auch Dr.-Ing. Horst Lenz, Präsident der Ingenieurkammer Rheinland-Pfalz, an. Es bräuchte schnellere und faire Verfahren, damit auch kleinere und regionale Betriebe Chancen ergreifen könnten.
Geopolitik und Weltwirtschaft
Jean-Claude Juncker, sprach als ehemaliger Präsident der Europäischen Kommission über den aktuellen Zustand Europas, der als kleinster und alternder Kontinent wirtschaftlich immer schwächer werde und sich vor allem mit sich selbst beschäftige. Dabei seien die geopolitischen Herausforderungen enorm gewachsen.
Zunächst richtete der Luxemburger seinen Blick auf die USA, auf deren Präsident kein Verlass mehr sei. Es tue der Welt nicht gut, wie die USA dem Multilateralismus abschwören. Die USA hätten die Rolle als Verteidiger der freien Welt abgelegt.
Mit dem russischen Angriffskrieg habe Putin die Nachkriegsordnung zerstört.
„China“, so Juncker „wirft lange Schatten auf Europa“. Die Industrie werde staatlich subventioniert, an Regeln werde sich überhaupt nicht gehalten und damit würden europäische Unternehmen benachteiligt.
Insgesamt würden die Großmächte versuchen, die 27 Mitgliedsstaaten gegeneinander auszuspielen.
Er appellierte an das Plenum, sich mit den europäischen Nachbarn vertraut zu machen. Es gehe darum, den europäischen Zusammenhalt zu fördern, Europa stark zu machen und zu kooperieren. „Europa braucht sich nicht zu verstecken.“
„Wir brauchen makroökonomische Geschlossenheit“, vor allem durch Freihandelsabkommen, so Juncker. Er bedauerte das Scheitern von Mercosur zutiefst und lobte das jüngst abgeschlossene Abkommen mit Indien. „Rund 40 Millionen Arbeitsplätze hängen in Europa von Freihandelsabkommen ab. Wenn wir Trump die Stirn bieten wollen, benötigen wir mehr davon!“
Seine abschließende Botschaft: „Wir brauchen ein Europa das stark ist, Aufbruch, Mut und die Freude an uns selbst.“